Ein Blick in die Tiefe der Schweizer Ingenieurskunst

10.01.2026
Man liest und hört viel über den Gotthard. Doch wenn man selbst unter hunderten Metern Gestein steht, den Klang der Maschinen hört und die Luft der Baustelle einatmet, bekommt der Begriff „Ingenieursleistung“ eine ganz neue Dimension. Unser Team besichtigte die Baustelle der zweiten Röhre – ein Blick hinter die Kulissen eines Jahrhundertprojekts.
Die Besichtigung
Als Planer der BSA (Betriebs- und Sicherheitsausrüstung) wollten wir uns ein direktes Bild vom Baufortschritt machen. Unser Team von Boess sowie weitere BSA-Planer besuchten die Baustelle, um die Gegebenheiten vor Ort besser zu verstehen. Denn bei einem Projekt dieser Grössenordnung ist der Blick aus der Planungssoftware hinaus entscheidend – hier zeigt sich, ob Theorie und Praxis zusammenpassen.
Die Ausmasse der Baustelle beeindrucken in jeder Hinsicht. Täglich arbeiten hier Spezialisten aus unterschiedlichsten Fachbereichen eng zusammen: Geologen, Bauingenieure, Elektrotechniker, Sicherheitsplaner und viele mehr. Der präzise Takt dieser Zusammenarbeit ist beeindruckend – alles greift ineinander, damit am Ende ein System entsteht, das über Jahrzehnte hinweg sicher und zuverlässig funktioniert.
BSA: Das Herzstück der Tunnel-Infrastruktur
Für uns als Elektro-BSA-Planer ist besonders faszinierend zu sehen, wie die zukünftigen Anlagen in das Bauwerk integriert werden: Stromversorgung, Beleuchtung, Belüftung und die sicherheitsrelevanten Steuerungssysteme. Es geht nicht nur um Kabel und Technik, sondern die Systeme, die den Betrieb überwachen, steuern und im Ernstfall Leben schützen.

Betonmischwerk im Herz des Gotthard-Massivs
Besonders beeindruckend war für uns der Blick in die ehemaligen Lager-Bergstollen. Hier arbeitet heute ein hochmodernes Betonmischwerk mit halbautomatischer Fertigungsstrasse für Betonfertigelemente.
Direkt im Berg entsteht das Material, das später in der neuen Tunnelröhre verbaut wird – ein logistisches und technisches Meisterstück. Statt Beton über lange Distanzen heranzuschaffen, produziert das Werk direkt vor Ort mit dem Ausbruchsmaterial. Das spart Transportwege und reduziert Emissionen.
Die Fertigungsstrasse stellt in Serie präzise Betonelemente für die Tunnelbohrmaschine her. Jedes Element ist ein massgefertigtes Puzzleteil, das in der neuen Röhre millimetergenau seinen Platz findet. Die Kombination aus traditioneller Ingenieurskunst, Automatisierung und effizienter Baustellenlogistik zeigt eindrucksvoll, wie moderner Tunnelbau funktioniert.
Die logistische Herausforderung
Ein Aspekt, der uns bei der Besichtigung besonders bewusst wurde: die eingeschränkten Installationsflächen. Die räumlichen Verhältnisse im Tunnel, an den Zugangsstollen und an den Tunnelportalen stellen eine erhebliche logistische Herausforderung dar.
Materialtransporte, Montageflächen und Arbeitsabläufe müssen präzise koordiniert werden, um die Arbeiten effizient und sicher durchzuführen. Diese Rahmenbedingungen erfordern ein hohes Mass an Planung, Abstimmung und Flexibilität aller Beteiligten.




Das Projekt in Zahlen
Die zweite Röhre im Gotthard-Strassentunnel ist nicht nur ein Symbol für technische Präzision, sondern auch für die Dimensionen moderner Infrastrukturprojekte:
Länge: 16.9 Kilometer
Durchmesser: 12.3 Meter
Ausbruchmaterial: rund 7.4 Millionen Tonnen Gestein
Bauzeit: >10 Jahre
Projektkosten: rund 2.14 Milliarden CHF
Bauherr: Bundesamt für Strassen ASTRA
Diese Zahlen wirken abstrakt – bis man mitten in der Baustelle steht und spürt, welche Energie, Planung und Ingenieurskunst hinter jeder dieser Kennzahlen steckt.
Weitere Informationen zu diesem Jahrhundertprojekt: https://gotthardtunnel.ch/
Mehr als nur Technik
Neben den technischen Eindrücken war der Besuch aber auch ein starkes Teamerlebnis. Solche Exkursionen schaffen ein gemeinsames Verständnis dafür, wie unsere Planung am Ende in Beton, Stahl und Kupfer umgesetzt wird. Sie erinnern uns daran, dass jedes Schema, jeder Schaltplan und jede Berechnung Teil eines grossen Ganzen ist.
Ein herzliches Dankeschön an die Projektverantwortlichen und die Teams vor Ort für die spannende Führung, den offenen Austausch und die beeindruckenden Einblicke in eines der bedeutendsten Infrastrukturprojekte der Schweiz.
Wir nehmen viele Eindrücke mit – fachlich wie menschlich – und freuen uns, mit unserer Expertise einen Beitrag zu leisten, damit der Gotthard auch in Zukunft sicher, modern und leistungsfähig bleibt.
Autor: Thomas Stettler, Projekteiter, Boess Engineering AG